baut keinen scheiß

Ein Beitrag von Architects for Future zum Hamburger Architektursommer 2026

Ansicht des Grundstücks für Elbtower Hamburg.
2023
Ansicht des Elbtower Hamburg aktueller Stand.
2026

Elbtower

Architekturbüro David Chipperfield Architects
Fertigstellung 2029 (geplant)
Standort Zweibrückenstraße 13b, 20539 Hamburg
Nutzung Büro, Museum, Gastronomie, Hotel, Einzelhandel

Das Gebäude

Als neue Landmarke und „Tor zur Stadt“ wird seit 2021 am östlichsten Rand der HafenCity direkt neben den Elbbrücken der 245m hohe Elbtower entwickelt. Doch aufgrund der Insolvenz der Bauherrin SIGNA Prime Selection um René Benko stagniert das Projekt seit 2,5 Jahren, die Fertigstellung ist ungewiss.

Der freistehende Hochpunkt ist als höchstes Gebäude Hamburgs geplant und soll mit seiner skulpturalen Form, entworfen von David Chipperfield Architects, bewusst den „Schwung“ der Elbphilharmonie aufnehmen. Der ursprünglich 62-geschossige Neubau basiert auf einem dreieckigen, öffentlich zugänglichen Sockel mit Atrium, aus dem ein schlanker, nach oben hin breiter werdender Turm aufsteigt. Die konkav gekrümmten Glasfassaden und auskragenden Sonnenschutzelemente betonen die skulpturale Erscheinung, während ein windsensibles Beleuchtungskonzept die Fassade nachts inszeniert. Neben Gastronomie, Einzelhandel, Hotel und Ausstellungsflächen im Sockelbereich sind im Turm überwiegend Büroflächen sowie eine öffentliche Aussichtsplattform vorgesehen. Nach eigener Aussage der Signa soll der Elbtower im Betrieb klimaneutral sein, da als Energiequellen Fernwärme und die Abwärme der Produktion des Kupferherstellers Aurubis verwendet wird. 2022 lagen die geplanten Kosten für das Projekt bei 950 Millionen Euro. [1][2][9]

Mit der Insolvenz der Signa Group kam der Bau 2023 abrupt zum Stillstand. Der Turm war zu diesem Zeitpunkt rund 100 Meter hoch – und ist es bis heute. Investorinnen und Ankermieterinnen zogen sich zurück, das Projekt wurde zur Bauruine in prominenter Lage. Diese Entwicklung kam jedoch keineswegs überraschend. Bereits im Vorfeld hatten zivilgesellschaftliche Initiativen, Fachleute und Aktivistinnen vor den Risiken gewarnt. Korruptions-Skandale um René Benko, wirtschaftliche Probleme bis hin zur Insolvenz zentraler Signa-Beteiligungen (Kaufhauskette Galeria-Karstadt-Kaufhof) sowie die Erfahrungen mit kostspieligen Großprojekten wie der Elbphilharmonie ließen das Scheitern früh absehbar erscheinen. Nach langer Ungewissheit und Verhandlungen hat sich inzwischen ein neues Konsortium – unter Beteiligung von Dieter Becken, Klaus-Michael Kühne und Dirk Roßmann – für den Weiterbau des Elbtowers gefunden. Mit dem Hotelbetreiber Hilton wurde zudem ein neuer Mieter für die geplanten Hotelflächen des Towers gefunden. Um den Ausfall einer der Ankermieter zu ersetzen und den Weiterbau überhaupt zu ermöglichen, plant die Stadt Hamburg, selbst Flächen für einen Festpreis von 595 Millionen Euro zu erwerben und dort ein Naturkundemuseum auf acht Stockwerken (!!) umzusetzen. Jüngst wurde für die angepasste Planung die Baugenehmigung erteilt: Die Gebäudehöhe wird auf 199 m reduziert, das Naturkundemuseum als neue Nutzung berücksichtigt sowie die Aussichtsplattform vom 55. auf den 43. Stockwerk verlagert. Eine Fortsetzung der Bauarbeiten ist für Sommer 2026 im Gespräch, eine Fertigstellung 2029. Oberbürgermeister Tschentscher sieht derweil weiterhin die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns.[3][4][5]

Seit 2023 entwickelten Initiativen, zivilgesellschaftliche Akteure sowie Stadtplanungs- und Architekturstudierende zahlreiche alternative Perspektiven auf den Elbtower und formulierten Forderungen für gemeinwohlorientierte Transformationsansätze. Die Vorschläge sind ein Gegenentwurf zum renditeorientierten Elbtower und reichen von kollektiven Eigentumsmodellen und neuen Finanzierungsformen über die Integration von Wohnraum – auch für Geflüchtete – bis hin zu gemischten Nutzungen aus Kultur, Soziokultur und öffentlicher Infrastruktur. Bündnisse wie die AG Ost fordern, das Gebäude als offenen Ort für Stadtgesellschaft, Begegnung und kulturelle Produktion nutzbar zu machen, während eine andere Initiative radikalere Umdeutungen vorschlägt – als ökologisches Habitat für Vögel. Gemeinsam ist diesen Ansätzen die Abkehr von der rein kommerziellen Logik hin zu einer Nutzung, die soziale, kulturelle und ökologische Mehrwerte in den Vordergrund stellt. [6][7][8] Frühestens 2028 könnte die Stadt Gebrauch von ihrem Rückkaufsrecht des Grundstücks samt Gebäude machen. Aktuell deutet aber alles darauf hin, dass das neue Immobilienkonsortium den Elbtower größtenteils wie geplant, nur mit enormer städtischer finanzieller Beteiligung in den kommenden Jahren realisiert. Kritisch betrachtet offenbart der Elbtower als Ruine der Spekulation grundlegende strukturelle Probleme. Ursprünglich als privat finanziertes Prestigeprojekt geplant, entwickelt er sich zunehmend zu einem öffentlich mitgetragenen Großvorhaben, ohne dass die Nutzung des Gebäudes im Sinne der Allgemeinheit angepasst wird.* Der Elbtower steht damit exemplarisch für eine stark profitorientierte, auf maximale Verwertung ausgerichteten Stadtentwicklung zu Lasten der Stadtgesellschaft. [4][5]

Funfact dazu: Die Elbphilharmonie sollte anfangs 186 Millionen Euro mit einem städtischen Anteil von 77Mio. € kosten. Letztendlich lagen die städtischen Kosten bei 789 Mio. € (ohne Spendengelder, nochmal ca. 80Mio €) [10]

Bezug zu den Forderungen von Architects for Future

  • Forderung 4: Entwerft zukunftsfähige Qualität: Der Turm steht als unvollendete Ruine da; jede Entscheidung über Weiterbau, Umbau oder alternative Nutzung erfordert kritische Abwägung zwischen ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. So weiterentwickelt bleibt der Elbtower ein monofunktionales Prestigeprojekt mit kurzer Nutzungsflexibilität und hohem Ressourcenverbrauch. Er vernachlässigt soziale, ökologische und kulturelle Mehrwerte und schafft kaum Identität oder langfristige Wertschätzung für kommende Generationen.

  • Forderung 9: Übernehmt soziale Verantwortung: Die Debatte um alternative Nutzungen zeigt ein starkes Bedürfnis nach gemeinwohlorientierten Räumen. Das Projekt dient unter Bereitstellung öffentlicher Gelder primär Investor*innen und folgt einem profitorientierten Modell, statt der Gesellschaft echte soziale Mehrwerte zu sichern.

  • Forderung 10: Plant integral: Das Projekt verdeutlicht die Defizite und Risiken eines top-down initiierten, investorengetriebenen Planungsprozesses. Auch im Prozess um den Weiterbau des Projektes fehlt es an echter Partizipation und Einbindung von Fachdisziplinen, die Vorschläge von Initiativen und Studierenden zeigen auf, wie integral geplante sozial- und ökologisch verantwortliche Stadtentwicklung aussehen könnte.