baut keinen scheiß

Ein Beitrag von Architects for Future zum Hamburger Architektursommer 2026

Kühne Oper

Architekturbüro Bjarke Ingels Group BIG
Fertigstellung ungewiss
Standort Baakenhöft, Hamburg
Nutzung Kultur, Gastronomie

Das Gebäude

Seit Ende 2024 steht fest: Hamburg soll eine neue Oper im Baakenhafen erhalten – ein weiteres prominentes Großprojekt in Wasserlage der HafenCity Hamburg. Neben prozessualen Fragen werden insbesondere Bedarf, Nachhaltigkeit und die Finanzierung als „Geschenk” des Unternehmers Klaus-Michael Kühne kontrovers diskutiert. Ob das Projekt realisiert wird, soll nach Prüfung der kosten- und bautechnischen Machbarkeit bis Ende 2027 entschieden werden.[1][2]Als Sieger eines eingeladenen Qualifizierungsverfahrens ging 2025 der Entwurf der Bjarke Ingels Group hervor. Die Jury lobte besonders die Transparenz, Leichtigkeit und Zugänglichkeit des Entwurfs. Der 34 m hohe Baukörper entwickelt sich aus einem zentralen „musikalischen Kern” in Richtung Hafen und übersetzt das Motiv von Schallwellen in eine weit auskragende, geschwungene Dachlandschaft. Diese wird als öffentlich begehbare Topografie mit Terrassen, uferähnlicher, heimischer Vegetation, Pavillons und Gastronomie ausgebildet. Umlaufende Glasfassaden und neue Wegebeziehungen sollen das Gebäude räumlich öffnen. Im Inneren bleibt die Organisation hingegen weitgehend konventionell und monofunktional: ein Zuschauerraum mit optimierter Sicht und Akustik, Hauptbühne, Nebenbühnen, Studiobühne und drei Probebühnen sowie zugehöriger Infrastruktur. Städtebaulich fügt sich das Projekt in die bekannte Logik der HafenCity ein. Trotz der inszenierten Zugänglichkeit ist eine weitere Verstärkung sozialer Exklusivität im Quartier zu erwarten. Entsprechend werden alternative, niedrigschwellige Nutzungen für das prominente und letzte ungeplante Grundstück im Stadtteil diskutiert – etwa ein Stadtwald, ein Elbe-Freibad oder ein großes Open-Air-Gelände. [1][3][6]

Neben dem Zuschauerraum mit optimaler Sicht und Akustik umfasst der Entwurf von BIG eine Hauptbühne mit ausreichend großen Nebenbühnen umfassen.Die zentrale Kritik des Projektes richtet sich weniger gegen die architektonische Ausformulierung als gegen die grundlegende Setzung des Projekts. Eine belastbare Bedarfsprüfung für den Neubau fehlt bislang, obwohl die Opernbesuche seit Jahrzehnten rückläufig sind (−57 %) [6]. Gleichzeitig erfordern zeitgenössische Theaterformate zunehmend flexible, multifunktionale Räume – Anforderungen, die im vorliegenden Entwurf nur begrenzt berücksichtigt werden. Auch unter Nachhaltigkeitsaspekten ist der Neubau problematisch. Der hohe Ressourcen- und Materialeinsatz, insbesondere durch den Betonbau, steht im Widerspruch zu dem Ziel der Klimaneutralität bis 2040. Es wird sich für einen Neubau statt für die ressourcenschonenden Weiterentwicklung und Sanierung des bisherigen Operngebäudes entschieden. Und dabei fehlt es gleichzeitig an einer langfristigen Nachnutzungsperspektive für die denkmalgeschützte Oper, die als 1678 gegründete Bürger*innenoper lange Tradition hat und im deutlichen Kontrast zur geplanten Kühne-Oper steht. [4][5][6]

Finanziell relativiert sich das Narrativ des „Geschenks” deutlich. Neben den rund 350 Millionen Euro Baukosten, die die Stiftung tragen soll, übernimmt die Stadt erhebliche Anteile: rund 147 Millionen Euro für Gründung und Hochwasserschutz sowie über 100 Millionen Euro für Erschließung und Freiraum. Hinzu kommen etwa 95 Millionen Euro für die Sanierung der bestehenden Oper während der Übergangszeit. Damit entsteht eine kostenintensive Doppelstruktur. Dieser Betrag ist zwar gedeckelt, doch Hamburger*innen fürchten im Projektverlauf einen finanziellen Zugzwang der Stadt wie im Fall der Elbphilarmonie und des Elbtowers. Laut Gutachten der Sprinkenhof von 2020 belaufen sich die Kosten für eine Generalsanierung der bestehenden Oper auf rund 146,5 Millionen Euro. [2][3][4] Mit Zustimmung der Bürgerschaft zum Entwurf und zur weiteren Planung Ende 2025 wird auch die Kritik aus Fach- und Stadtgesellschaft immer lauter. Neben den genannten Aspekten geraten insbesondere das Verfahren sowie die unzureichende Auseinandersetzung mit der erinnerungspolitischen Dimension in den Fokus. Klaus-Michael Kühne und Kühne+Nagel stehen wegen ihrer Rolle in der NS-Zeit in der Kritik; eine umfassende Aufarbeitung dieser Vergangenheit fehlt bis heute. Der Standort der geplanten Oper am Baakenhafen war zudem ein logistischer Knotenpunkt des kolonialen Völkermords an den Herero und Nama (1904-1908).

In einem offenen Brief fordern Wissenschaftler*innen aus Architektur, Stadtplanung, Theater- und Geschichtswissenschaften nun eine „Phase Null” für den Opernbau mit grundlegender Bedarfsprüfung, kritischer Auseinandersetzung mit dem Standort und Stifter, breiter Beteiligung und voller Transparenz in Bezug auf Finanzierung, Nachhaltigkeit sowie sozialen und kulturellen Nutzen. [1][3][6]

Bezug zu den Forderungen von Architects for Future

  • Forderung 1: Überdenkt Bedarfe: Die Forderung nach einer systematischen Bedarfsplanung wird im Projekt klar verfehlt. Trotz rückläufiger Besucherzahlen und veränderter Anforderungen an Theaterformate wird der Neubau gesetzt, ohne dass alternative Szenarien – etwa Umbau, Mehrfachnutzung oder Dezentralisierung – ergebnisoffen geprüft werden.

  • Forderung 2: Hinterfragt Abriss kritisch: Das Projekt widerspricht dem Leitbild der Umbaukultur. Die Entscheidung für einen Neubau der Oper bei gleichzeitiger Weiterführung und Sanierung (und vielleicht zukünftigen Abriss) des Bestands erzeugt eine ressourcenintensive Parallelstruktur. Der bestehende Schuppen am geplanten Standort Baakenhöft ist das letzte Relikt des alten Hafens.

  • Forderung 4: Entwerft zukunftsfähige Qualität: Zukunftsfähige Qualität umfasst laut A4F insbesondere Anpassungsfähigkeit, Mehrfachnutzung und langfristige Nutzbarkeit . Der Entwurf bleibt jedoch in seiner inneren Organisation stark monofunktional und orientiert sich an einem klassischen Opernbetrieb.

  • Forderung 9: Übernehmt soziale Verantwortung: Die Setzung eines hochkulturellen Solitärs in der HafenCity verstärkt bestehende Exklusivitätsmechanismen. Die Bedürfnisse der Allgemeinheit, Partizipation, sozialer Nutzen, kultureller Teilhabe fallen dem individuellen Wunsch nach „Verewigung” des Kulturmäzens Kühne zum Opfer

  • Forderung 10: Plant integral: Das Verfahren ist geprägt von einem eingeschränkten Wettbewerb, Zeitdruck und Einfluss des Geldgebers. Eine ergebnisoffene „Phase Null” sowie breite Beteiligung der Stadtgesellschaft und Fachöffentlichkeit fehlen bislang.

Quellen

  1. taz: Neues Opernhaus für Hamburg - zuletzt abgerufen am 02.04.26
  2. Auf dem Baakenhöft in der HafenCity soll ein neues Opernhaus von Weltrang entstehen - zuletzt abgerufen am 02.04.26
  3. Baunetz: Wettbewerb in Hamburg entschieden - zuletzt abgerufen am 02.04.26
  4. taz: Hamburger Kühne-Oper - zuletzt abgerufen am 02.04.26
  5. taz: Neue Oper für Hamburg - zuletzt abgerufen am 02.04.26
  6. Kühne-Oper in Hamburg – Jetzt sprechen die Experten - zuletzt abgerufen am 02.04.26