baut keinen scheiß

Ein Beitrag von Architects for Future zum Hamburger Architektursommer 2026

Ansicht des Oberhafenquartier Hamburg von der Straße
Ansicht des Oberhafenquartier Hamburg Innenbereich

Oberhafenquartier

Architekturbüro Gössler Kinz Kerber Schippmann Architekten, raumlaborberlin
Fertigstellung 2016
Standort Stockmeyerstraße 41, 20457 Hamburg
Nutzung Kultur, Kreativwirtschaft, Gastronomie

Das Gebäude

Vom Bahnhof mit Lagerhallen zum bunten Kreativquartier: Am Rande der HafenCity entsteht mit dem Oberhafen ein Quartier, das mit der von „Neubauten und signature buildings geprägten“ [3] Planungs- und Architekturpraxis des Stadtteils bricht. Auf einer Fläche von 8,9ha und rund 20.000m² Bruttogesamtfläche ist es hier mithilfe kooperativer Planung gelungen, eine ehemalige Güterumschlagsanlage in einen niedrigschwelligen, bezahlbaren und langfristig gesicherten Kultur- und Kreativstandort zu transformieren, der die vorhandenen Strukturen bewahrt und behutsam weiterentwickelt. [1][2][4]

Die Anfänge des Oberhafens als logistischer Knotenpunkt Hamburgs liegen im 17. Jahrhundert. Jahrhundertelang wurden hier die Elbkähne entladen, mit denen Obst und Gemüse aus den stromaufwärts gelegenen Vier- und Marschlängen zum Markt am Deichtor gebracht wurden. Mit dem Bau des Hannoverschen Bahnhofs 1872 – lange Zeit einer der wichtigsten Güterbahnhofs Hamburgs – entstand auf dem Areal des Oberhafens ein intensiv genutzter Güterbahnhofsstandort. Mit dem Bau des Bahndamms wurde ab 1906 der Bahnverkehr an den neuen Hauptbahnhof gesichert, der Oberhafen dadurch aber nach Westen abgeriegelt. Das im Eigentum der deutschen Bahn befindliche Gelände wurde trotzdem bis in die 2000er Jahre noch intensiv für Logistik und Lagerzwecke genutzt. Seit 2016 wird das Areal stückweise zum Kreativ- und Kulturstandort umgenutzt, Lagerhallen, Gleisverläufe und Infrastruktur bleiben erhalten und damit auch die Historie des Ortes bis heute sichtbar. [2]

Schon während der bestehenden Bahnnutzung siedelten sich ab 1990 am Oberhafen Kreativschaffende an. Mit der Masterplanung der HafenCity drohte dem Areal der Abriss und die Neuentwicklung als Gewerbeschwerpunkt. Durch zivilgesellschaftliches Engagement konnte der Bestand der Güterumschlagsanlage gesichert werden und die Entwicklungsperspektive für einen Kreativ-, Kultur- und Sportstandort geöffnet werden. Seit der politischen Entscheidung zur Umnutzung wird das Quartier in einem kooperativen Prozess zwischen Nutzerinnen, Zivilgesellschaft, Stadt und städtischen Institutionen entwickelt. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Verein 5+1 e.V., der als selbstorganisierte Struktur die Interessen vor Ort bündelt, die Diversität der Mieterinnen widerspiegelt und als Schnittstelle zu den zentralen städtischen Institutionen fungiert. Sanierungsvorhaben, die Gestaltung der gemeinschaftlichen Flächen, die Vermietung von Hallen und die Nutzung werden in Arbeitsgruppen kollektiv verhandelt. [1][2][3]

Mit dem Erwerb der Fläche durch die Stadt Hamburg, der Beseitigung der Altlasten durch die ehemalige Eigentümerin (DB) und die Entlassung der Fläche aus dem Hafenentwicklungsgesetz konnte ab 2016 mit der Sanierung begonnen werden. [4] Architektonisch setzt das Projekt auf eine minimalinvasive Strategie. Mit einem Sanierungsvolumen von rund 17 Millionen Euro werden die Gebäude abschnittsweise instandgesetzt, ohne ihren ursprünglichen Charakter zu überformen oder zu musealisieren. Im Vordergrund steht eine wirtschaftliche Sanierung, die technische Ertüchtigung und die Ermöglichung maximaler Flexibilität für die kreativwirtschaftliche Nutzung. Auf Branchenclusterung wird zugunsten einer hohen Nutzungsdiversität bewusst verzichtet. Mit einer Nettokaltmiete von rund 5€/m² wird zudem die Ausrichtung als bezahlbarer Kultur- und Kreativstandort langfristig gesichert und die notwendigen Gebäudesanierungen refinanziert. Größere Veränderungen werden durch die HafenCity GmbH als Flächenverwaltung im Freiraum vorgenommen: So entsteht im Süden ein zweiter Zugang, der das Areal mit der HafenCity verbindet sowie ein neuer Sportpark mit Fußballplatz und ergänzenden Angeboten im niedrigschwelligen Segment. [2][6][7] Heute arbeiten über 40 unterschiedliche, eng miteinander vernetzte Projekte mit rund 250 Menschen im Quartier. Die Nutzungen reichen von Ateliers, Werkstätten bis zu Gastronomie, Clubs, Großveranstaltungen, soziokulturellen Angeboten sowie einer Energiezentrale mit Blockheizkraftwerk für die dezentrale Wärmeversorgung. Herzstück ist die 6000m² große Gleishalle als kreatives Testfeld für Konzerte, Veranstaltungen, Ausstellungen, Workshops und neue Projekte. Freiräume wie der Gemeinschaftsgarten oder die Sportanlagen werden gemeinschaftlich betrieben oder sind leicht zugänglich (etwa über das Quartiersmanagement). Ab September 2026 wird mit der frisch sanierten Halle 3b ein neuer Erprobungsraum offen. Gesucht werden zum Oberhafen passende Zwischennutzungen für einen Zeitraum von 18 Monaten mit künstlerischen, kreativ-wirtschaftlichen, soziokulturellen, innovativen oder ökologischen Qualitäten und Mehrwert für den Oberhafen und darüber hinaus. [1][2] Der Oberhafen steht nicht nur für einen behutsamen Umgang mit bestehender Stadtstruktur und minimalinvasiver Instandsetzung und kreativwirtschaftlicher Nachnutzung, sondern bildet einen der wenigen und dafür umso zentraleren Standorte in der HafenCity für Kultur, Sport, Begegnung und Mitgestaltung.

Bezug zu den Forderungen von Architects for Future

  • Forderung 2: Hinterfragt Abriss kritisch: Das Oberhafenquartier zeigt exemplarisch, wie durch kooperative Planung und zivilgesellschaftliches Engagement eine ressourcenschonende Umnutzung bestehender Strukturen gelingen kann. Statt Abriss und Neubau wurden die historischen Lagerhallen und Gleisverläufe erhalten und behutsam weiterentwickelt.

  • Forderung 9: Übernehmt soziale Verantwortung: Durch die gemeinschaftliche Organisation und die niedrigschwelligen Nutzungen entsteht ein inklusiver Raum für Kultur und Kreativwirtschaft. Die langfristige Sicherung bezahlbarer Flächen für Kreativschaffende stärkt die soziale Durchmischung und kulturelle Vielfalt.

  • Forderung 10: Plant integral: Das Quartier wird in einem partizipativen Prozess entwickelt, bei dem Nutzer*innen, Zivilgesellschaft und Stadt gemeinsam entscheiden. Dies ermöglicht eine ganzheitliche Planung, die ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt.

Quellen

  1. Projektwebsite: Der Oberhafen - zuletzt abgerufen am 31.03.26
  2. HafenCity Hamburg: Oberhafen - zuletzt abgerufen am 31.03.26
  3. Arch+ Features: Gleishalle Oberhafen - zuletzt abgerufen am 31.03.26
  4. Kreativ Gesellschaft: Oberhafenquartier - abgerufen am 31.03.26
  5. Szene Hamburg: Serie Hamburger Hafen - Das Oberhafenquartier Teil I
  6. GKKS: Kreativquartier Oberhafen - zuletzt abgerufen am 31.03.26
  7. BDA Hamburg: BDA Tag Hamburg - Kreativquartier Oberhafen - zuletzt abgerufen am 31.03.26