baut keinen scheiß

Ein Beitrag von Architects for Future zum Hamburger Architektursommer 2026

Ansicht des Westfield Hamburg-Überseequartier Hamburg
Ansicht des Westfield Hamburg-Überseequartier Hamburg aus anderer Perspektive

Westfield

Architekturbüro HPP (Masterplanung)
Fertigstellung 2025
Standort Überseeboulevard 7, 20457 Hamburg
Nutzung Shopping, Gastronomie, Hotel, Büro

Das Gebäude

Mit dem Westfield Hamburg-Überseequartier hat die HafenCity Hamburg eines der größten innerstädtischen Bauprojekte Europas erhalten. Der Komplex – entwickelt vom Immobilienkonzern Unibail-Rodamco-Westfield – verbindet Einkaufszentrum, Büros, Wohnungen, Hotels und Freizeitangebote auf engem Raum. In der Planung wurde das Quartier als Modell für eine nachhaltige, urbane Mischnutzung inszeniert. In der gebauten Realität zeigt sich jedoch ein ambivalentes Bild zwischen ambitionierter Umweltstrategie, baulicher Komplexität und sozialer Kritik.

In die Schlagzeilen geriet das Projekt unter anderem, als im Herbst 2023 ein Baugerüst in einen Fahrzeugschacht stürzte und dadurch fünf albanische Arbeiter starben [1]. Ein rumänischer Bauarbeiter war schon im Januar 2022 bei den Arbeiten zu Tode gekommen. Auch davor waren Menschen bei mehreren Unglücksfällen schwer verletzt worden. Die Baustelle wurde mehrmals von den Behörden kontrolliert, da gravierende Mängel in Bezug auf die Arbeitssicherheit festgestellt wurden. Zwei Gewerkschaften riefen daher zur Eröffnung zum Protest auf und erinnerten an die Toten. Gleichzeitig erhielt das Quartier als erstes Großprojekt die neue DGNB-Zertifizierung für nachhaltige Baustellen [2]. Hierfür werden folgende Kriterien bewertet: Baustellenorganisation (25%), Ressourcenschutz (25%), Gesundes und Soziales (20%), Kommunikation (15%) und Qualität der Bauausführung (15%). [3]

Die Eröffnung musste aufgrund von Wasserschäden und technischen Problemen um ein Jahr verschoben werden. Auch die Baukosten stiegen von ursprünglich einer Milliarde auf 2,44 Milliarden Euro – u.a. wurden Entschädigungszahlungen für die Mieter fällig, die ihre Geschäfte nicht wie geplant eröffnen konnten. [4]

Das Quartier soll einen bedeutenden Impuls für die Wirtschaft und gleichzeitig ein neuer Tourismusmagnet werden. Ob dauerhaft wirklich die geplanten 16,2 Millionen Besucher jährlich erscheinen, bleibt abzuwarten. [5] Für die Anreise mit dem Auto stehen 2.500 Parkplätze zur Verfügung, die Einfahrt zur Tiefgarage ist prominent platziert. [6]

Das Projekt wird in der Öffentlichkeit sehr unterschiedlich aufgefasst. Dreizehn unterschiedliche Architekturbüros waren an der Planung beteiligt, was sich in der sehr heterogenen Gestaltung widerspiegelt. [7] Ob das Ziel, ein vielfältiges und gemischtes Quartier zu schaffen, das auch außerhalb der Öffnungszeiten der Geschäfte einen Mehrwert für die Menschen der Stadt Hamburg bietet, erfüllt wurde, wird allerdings von Vielen in Frage gestellt.

Die Bilanz nach einem Jahr zeigt zumindest 12 Millionen Besuche. Zwar gab es nicht den befürchteten pauschalen Einbruch der Besuchszahlen in der Innenstadt, allerdings geben die Besuchenden weniger aus, sodass es insgesamt dennoch zu Umsatzeinbußen im Zentrum gekommen ist. [8]

Bezug zu den Forderungen von Architects for Future

  • Forderung 1: Überdenkt Bedarfe: Die großformatige Shoppingmall steht in Konkurrenz zu den vorhandenen Einkaufsmöglichkeiten in der Innenstadt, sodass es hier nach Aussage des Handelsverbands zu Umsatzeinbußen gekommen ist. Generell stellt sich die Frage nach der Typologie „Shoppingmall” als zukunftsfähiges Modell, da die Entwicklungen der letzten Jahre gezeigt haben, dass große Kaufhäuser oft nicht mehr wirtschaftlich rentabel sind und zu Leerstand in den Innenstädten führen.

  • Forderung 4: Entwerft zukunftsfähige Qualität: Sollte sich das Konsumverhalten ändern und eine Umnutzung erforderlich machen, fehlt bei diesem Projekt die Flexibilität: Große, tief geschnittene Verkaufsflächen und stark spezialisierte Gebäudetechnik sind oft schwer in andere Nutzungen zu überführen.

  • Forderung 9: Übernehmt soziale Verantwortung: Soziale Verantwortung beginnt bereits auf der Baustelle. Schwere Unfälle und Todesfälle aufgrund mangelnder Arbeitssicherheit, die beim Bau des Projekt vorgefallen sind, müssen verhindert werden. Das gesamte Konzept des Überseequartiers basiert auf einem intensiven Konsummodell anstelle von gemeinwohlorientierter Nutzung. So wird ein Raum geschaffen, der zwar urban wirkt, aber stark durch kommerzielle Nutzung und Exklusivität geprägt ist. Ein Partizipationsprozess bzw. die Einbeziehung der Öffentlichkeit hat nicht stattgefunden.

Quellen

  1. taz: Neues Einkaufszentrum in Hamburg - zuletzt abgerufen am 05.04.2026
  2. ATP: Westfield Hamburg-Überseequartier - zuletzt abgerufen am 05.04.2026
  3. DGNB: Baustelle - zuletzt abgerufen am 19.04.2026
  4. Mopo: XXL-Shoppingcenter - Kosten explodieren - Trennt Betreiber sich von vielen Centern - zuletzt abgerufen am 05.04.2026
  5. Hamburg Business: Westfield Hamburg-Überseequartier - Dimensionen eines neuen Stadtteils - zuletzt abgerufen am 05.04.2026
  6. Zeit: Überseequartier Hamburg - Architektur - zuletzt abgerufen am 05.04.2026
  7. Westfield: About Us - zuletzt abgerufen am 05.04.2026
  8. Tagesschau: Westfield Hamburg-Überseequartier - Bilanz nach einem Jahr - zuletzt abgerufen am 05.04.2026